Digitales Bewerbungsgespräch – Bewerber im Videointerview

Auch wenn persönliche Bewerbungsgespräche vor Ort nach wie vor sowohl von Unternehmen als auch von Bewerbern bevorzugt werden, können Sie als Arbeitgeber in Zeiten von Corona und Kontaktverboten mit Video-Interviews punkten.

Person im Bewerbungsgespräch
© AdobeStock/Cat

In aller Kürze:

  • Employer Branding: Positionieren Sie sich als innovatives Unternehmen
  • Testen Sie vor dem Bewerbungsgespräch Ihre technische Ausrüstung und die Internetverbindung
  • Viele Kollaborations-Tools bieten eine kostenfreie Probezeit an
  • Es braucht die Bereitschaft, sich auf neue Anwendungen einzulassen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen

Was rechtlich zu beachten ist

Im Gegensatz zu mit-geschnittenen Interviews, die im Nachhinein nochmal beleuchtet werden können, stellen sogenannte Live-Interviews kein DSGVO Problem dar. Das liegt daran, dass es einem gewöhnlichen Bewerbungsgespräch nahe genug kommt. Im Gegensatz dazu, gilt eine genaue Auswertung, eines mit-geschnittenen Videos, als unangemessener Eingriff in die informative Selbstbestimmungsrechte einer sich bewerbenden Person. Das liegt auch daran, dass Aussagen nicht zurückgenommen oder weiter erklärt werden können, wie in einem natürlichen Gespräch. In bestimmten Berufsfeldern wie in der TV-Medienbranche können solche intensiven Auswertungen von Mimik, Gestik und Stimme allerdings gerechtfertigt werden.
Grundsätzlich gilt, dass in die Privatsphäre des Bewerbers nur so tief eingegriffen werden darf, wie es für die Bewerbung unbedingt notwendig ist. Auch darf eine Video-Bewerbung nicht Voraussetzung für eine Bewerbung sein, da so nicht von einer “freiwilligen Einwilligung” gesprochen werden kann, die für eine solche Bewerbung Pflicht ist.

Wie immer müssen potentielle Angestellte über die Verarbeitung ihrer personenbezogenen Daten informiert werden.
(Quelle: datenschutzbeauftragter-dsgvo.com)

5 Tipps für Ihr virtuelles Vorstellungsgespräch

  • Klare Kommunikation/Moderation ist beim digitalen Termin umso wichtiger. Nur so weiß der Bewerber, was ihn erwartet.
  • Die Video-Funktion hat, gegenüber einem telefonischen Gespräch, den Vorteil, dass Sie sich über Mimik und Gestik ein besseres Bild machen können – und umgekehrt.
  • Überprüfen Sie in einem Testlauf Ihre technische Ausrüstung. Funktioniert Ihr Mikro? Reicht die integrierte Laptop-Kamera? Was sieht die Bewerberin im Hintergrund?
  • Überprüfen Sie außerdem, ob eine stabile Internetverbindung besteht.
  • Gibt es Aufgaben für die BewerberInnen, die sich auch bei der digitalen Bewerbung umsetzen lassen? Auch diese sollten vorher intern getestet werden.

Tipps aus der Praxis

Sie haben interessante BewerberInnen gefunden und das digitale Bewerbungsgespräch steht bevor? Wir haben unseren Kolleginnen und Kollegen der Abteilung People and Culture ein paar Fragen dazu gestellt:

Frage: Was sind mögliche Fallstricke einer digitalen Bewerbung und wie kann man sie umgehen?

Antwort: Drei Probleme sollte man auf jeden Fall im Blick haben.
Als Erstes, ist es von Vorteil nicht nur intern vorbereitet zu sein, sondern auch den Bewerbern mit Hilfestellungen entgegenzukommen. Konkret könnte man einen Technik-Check anbieten. So kann die Bewerberin, vor dem eigentlichen Gespräch, eventuelle Probleme aus dem Weg räumen. An diesem Punkt schließt sich der nächste Fallstrick an. Ein Vorstellungsgespräch via Video-Chat ist noch lange nicht gang und gäbe und für den Bewerber wahrscheinlich eine neue Erfahrung. Schaffen Sie in Ihrem Bewerberpool ein Bewusstsein für die Situation und informieren Sie vorab. Ein Hinweis, dass andere Menschen oder Haustiere im Hintergrund störend sind, wäre zum Beispiel ein erster Schritt.
Ein drittes Problem ist, dass manche Kandidatinnen – über das digitale Bewerbungsgespräch – nicht so gut greifbar sind, wie in einem Gespräch vor Ort. So kann es in manchen Fällen sein, dass ein digitales Bewerbungsgespräch lediglich ein erstes Aussieben sein kann. Bei manchen Bewerbungen ist ein persönliches Kennenlernen unabdingbar.

Frage: Ist es vorstellbar, dass sich das digitale Vorstellungsgespräch in Zukunft durchsetzt?

Antwort: Grundsätzlich ist er wahrscheinlich, dass die Akzeptanz steigen wird und das digitale Vorstellungsgespräch sich weiter etablieren wird. Besonders, bei Bewerberinnen, die weit entfernt oder im Ausland sind. In dem Fall spart man lange Reisezeiten. Spätestens die zweite Runde sollte im Idealfall wieder im Unternehmen stattfinden. Nur so können Büroräume gezeigt werden und das persönliche Auftreten – auch in der ersten Interaktion mit dem zukünftigen Team – prüfen.

Frage: Wie sollte ein Video-Interview anmoderiert werden? Welche Punkte sollte man beachten?

Antwort:

  1. Die Anmoderation sollte bereits in der Einladungsmail, mit dem Hinweis auf das anstehende Video-Interview, beginnen.
  2. Ein guter Start ist ein klar definierter Technik-Check. Überprüfen Sie Verbindung, Ton, Bild und haken Sie bei Ihren Kandidaten nach, ob alles klappt.
  3. Sollte es technische Probleme geben, z.B. weil der Technik-Check dem Gespräch direkt vorgelagert wurde, sprechen Sie diese am besten direkt an.
  4. Ist die technische Situation optimiert, bietet es sich an, in einem Intro auf die besondere Situation einzugehen.
  5. Darauf folgt der Einstieg in den klassischen Prozess.

Recruting mit KI:

Das Zukunfts-Tool “Precire” aus Aachen verspricht mithilfe einer Sprachanalyse-Software und künstlicher Intelligenz, über Tonaufnahmen, Rückschlüsse auf die Persönlichkeit von Bewerbern ziehen zu können. Damit will es Personalerinnen zur Seite stehen und Entscheidungen unterstützen. In Deutschland ist diese Technik aktuell verboten.

Vor- und Nachteile eines digitalen Bewerbungsprozesses

Vorteile

  • Employer Branding: Positionieren Sie sich als innovatives Unternehmen
  • Leichtere Terminabstimmung: Kandidaten sind aktuell leichter und flexibler zu erreichen, weil viele von zuhause arbeiten
  • Jetzt an die Zukunft denken und an die Zeit, wenn sich der Markt wieder normalisiert hat. Wenn Sie jetzt schon nach den passenden Talenten suchen, sind Sie Vorreiter
  • Ganz nebenbei können Sie die technischen Fähigkeiten ihrer Bewerberin testen
  • Es gibt Stimmen, die behaupten, dass potentielle Angestellte authentischer sind, wenn Sie sich beim Bewerbungsgespräch in den eigenen 4-Wänden aufhalten

Nachteile

  • Unternehmensintern funktionieren die Systeme meistens besser als extern, da unterschiedliche Anwendungen genutzt werden
  • Es braucht eine unternehmensweite Bereitschaft, sich auf neue Anwendungen einzulassen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen
  • Außerhalb der Großstädte kann ein digitales Treffen schon ab 2 Personen schwierig werden, wenn das Internet nicht zuverlässig funktioniert

Tools für Ihren Bewerbungsprozess

Testen Sie die Anwendungen und wählen Sie das für sich passende. Die meisten Anbieter bieten zumindest eine kostenfreie Probezeit an, welche Sie nutzen sollten um sich mit den unterschiedlichen Angeboten vertraut zu machen.

Zoom

Dieses Tool bietet eine kostenfreie Variante, mit welcher Sie unbegrenzte 4-Augen-Gespräche führen können. Gruppenbesprechungen sind hier auf 40 Minuten limitiert, nicht aber die Anzahl der Besprechungen. Zoom bietet zudem unterschiedliche kostenpflichtige Pakete.
Das Paket für Klein- & Mittelständische Unternehmen kostet 18,99 Euro im Monat und hebt hier die zeitliche Limitierung auf. Meetings können mit bis zu 300 Teilnehmern geführt werden. Ein weiteres Paket, welches sich an kleine Teams richtet, kostet 13,99 Euro und bietet neben Gruppengesprächen mit bis zu 100 Teilnehmern eine maximale Meeting-Dauer von 24 Stunden.
Zoom ermöglicht sichere, digitale Treffen, zum einen durch Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, oder durch rollenbasierte Benutzersicherheit.

Microsoft Teams

Dieses Produkt ist Teil des Office Pakets und bietet neben Video-Besprechungen auch eine Chat- und Telefonfunktion. Es gibt keine kostenfreie Version für Unternehmen und es ist nicht unabhängig vom Office Paket erhältlich. Es gibt allerdings eine Version mit welcher Sie, für 4,20 Euro je Nutzer und Monat, Zugriff auf die 4 Basisanwendungen: Exchange, OneDrive, SharePoint und Teams als Online-Version erhalten. Sind auch die anderen Anwendungen für Ihr Unternehmen interessant, ist dies eine mögliche Lösung.

Für 10,50 Euro im Monat je Nutzerin erhalten Sie das Online-Paket “Microsoft 365 Business Standard”. Es enthält Microsoft Teams und das gesamte Office Angebot mit Excel, Word, PowerPoint und Outlook.

Skype

Skype for Business Online wurde durch Microsoft Teams abgelöst und gilt in einigen Unternehmen als veraltet.

Google Meet

Oder auch Hangouts Meet ist, wie bereits im Namen ersichtlich, das Produkt von Google. Über einen Link können Sie, ohne zeitliche Begrenzung, an Video-Treffen teilnehmen. Google Meet ist kostenpflichtig für Unternehmen und nur in fertig geschnürten “G-Suites” erhältlich.
Für 4,68 Euro je Nutzer und Monat gibt es das kleinste Paket mit 13 Anwendungen unter denen auch Hangouts zu finden ist. Dazu kommen nochmal 3 weitere Anwendungen. Darunter fallen eine Support-Anwendung, der Admin-Bereich zur Verwaltung von Benutzern und Anwendungen sowie eine Endpunktverwaltung mit welcher verlorene Geräte gesperrt werden können um Unternehmensdaten zu schützen.